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Schüler der Beruflichen Schule treffen mit Mitgliedern einer syrischen…

In Syrien herrscht Bürgerkrieg, im Irak ist der “Islamische Staat” (IS) auf dem Vormarsch, im Sudan herrscht ein korrupter Machthaber – und die Menschen fliehen. Aber auch in der Ukraine oder in Kolumbien sind viele gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Wo landen die Flüchtlinge? Wo finden sie Zuflucht?
Täglich erreichen uns schreckliche Nachrichten und Bilder, hören wir die tragischen Geschichten von Flüchtlingen. Doch werden die Flüchtlinge nicht überall in Europa, nicht überall in Deutschland gern gesehen. Geplante Flüchtlingsunterkünfte brennen und in sozialen Netzwerken gibt es teilweise ausfällige rassistische Posts. Die Flüchtlingskrise ist kein abstraktes Problem, sie spielt sich nicht irgendwo in der Ferne oder für uns unerreichbar im Fernsehen, sondern hier und heute ab.

Auch in unserer Stadt, in Fürstenwalde, kommen Asylbewerber an. Es gibt viele Vorurteile, die meist daraus resultieren, dass man einander nicht kennt oder direkt begegnet. Wer sind die Menschen, die nach Deutschland fliehen? Warum sind sie hier? Was erhoffen sie sich? Mit welchen Vorurteilen müssen sie kämpfen?

Wir hatten die Möglichkeit, Betroffene zu treffen, von ihren Erlebnissen und Erfahrungen zu hören und mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Die Mutter einer syrischen Familie, die hier in Fürstenwalde lebt, eines ihrer vier Kinder, ihre 20 jährige Tochter, eine Übersetzerin aus Jordanien, die aus dem Arabischen für uns dolmetschte, eine junge, 31 jährige Frau, Maram aus Syrien, die gerade erst knapp vier Wochen hier in Deutschland ist und sich mit uns in englischer Sprache verständigen konnte, sowie der ehrenamtliche Pate der syrischen Familie, Herr Rinner, erklärten sich bereit, zu uns zu kommen und im Rahmen einer 90 minütigen Veranstaltung am 9. Oktober 2015 von sich zu erzählen, mit uns zu sprechen und unsere Fragen zu beantworten.

Wir erfuhren, dass die syrische Familie zunächst 10 Jahre im Exil in Zypern lebte, dort aber ihr Asylantrag abgelehnt wurde und sie daher 2013 nach Deutschland kam. Drei der vier Kinder gehen hier zur Schule (5., 9. und 11. Klasse), die größte Tochter, die auch bei uns in der Beruflichen Schule zu Besuch war, macht gerade ein Praktikum in einer Fürstenwalder Apotheke. Sie hat bereits ihr Abitur erworben und wünscht sich nun sehr, hier in Deutschland Radiologie zu studieren. Leider hat sie, wie auch zwei ihrer drei Geschwister, noch keine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland, auch wenn sie alle bereits seit zwei Jahren hier leben. Jeder im Raum konnte sich lebhaft vorstellen, wie schwer es sein muss, seit zwei Jahren jeden Tag auf den erlösenden Brief zu warten, in dem steht, dass endlich eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland erteilt wurde. Zudem ist der Vater sehr schwer erkrankt und die Familie muss sich um ihn kümmern.

Maram, die junge syrische Frau, die erst seit knapp vier Wochen hier in Deutschland ist, erzählte, dass sie aus Damaskus gekommen sei und dass viele ihrer Freunde getötet oder einfach spurlos verschwunden seien. Ihr Wohnhaus wurde durch eine Granate zerstört und ihr sorgloses Leben, das sie vor Beginn des Krieges führen konnte, war auf einen Schlag vorbei. Maram betonte, dass jede Zukunftsplanung in Syrien unmöglich geworden sei und dass man nie wisse, was einen am nächsten Tag erwarten würde. Alle träumten vom Ende des Krieges und doch ist man überall von Tod und Zerstörung umgeben. Sie beschloss daher, mit einem Boot in die Türkei zu fliehen, um sich dann auf die weitere Reise nach Deutschland zu machen. Maram wartet nun auf ihre Familie, die sich aber noch nicht entschließen konnte, sich auf den langen und gefährlichen Weg hierher zu machen. Vielmehr hoffen sie, dass Maram eines Tages als Flüchtling in Deutschland anerkannt wird und sie ihre Familie dann hierher nachholen kann. Mit ihrem Handy hält sie Verbindung zu ihrer restlichen Familie in Syrien – daher sind Handys für die Flüchtlinge kein Luxus, wie so mancher glaubt, sondern die einzige Möglichkeit, mit Familie und Freunden im fernen Heimatland in Verbindung zu bleiben – und es gibt sogar eine Facebook-Seite, auf der sie sich voll Angst informiert, wo neue Bomben in Syrien niedergegangen sind, immer in der Hoffnung, dass es ihrer Familie gut gehen möge.

Viele der Schüler waren angesichts dieser Informationen schockiert und fragten sich, was sie im Umgang mit den Flüchtlingen tun können. Gemeinsam fanden wir heraus, dass es auf beiden Seiten gleichermaßen Unsicherheit und Berührungsängste gibt. Wir können viele, manchmal auch ganz einfache Dinge tun, um mit unseren neuen Mitbürgern ins Gespräch und in Kontakt zu kommen:

  • Freundlich, angstfrei und ohne Scheu auf sie zugehen und fragen, ob Hilfe gewünscht wird
  • Kommunikationsmittel, also z.B. Handyguthaben oder Zugang zum WLAN spenden
  • In ganz alltägliche Situationen behilflich sein und ihnen die vielleicht für sie fremden Sitten, Gebräuche und für uns selbstverständlichen kulturellen Dinge nahe bringen
  • Helfen, die deutsche Sprache zu erlernen
  • Kindern im schulpflichtigen Alter bei den Hausaufgaben helfen

Bei allen guten Absichten und Bemühen sollte man sich, wenn man helfen möchte, nicht selbst überlasten und realistisch die eigenen Möglichkeiten analysieren. Keinem, so erklärte Herr Rinner, sei geholfen, wenn er sich zunächst im Übermaß engagiere und dann genauso schnell wieder aufhören würde, weil man bemerkt, so viel Zeit und Kraft doch nicht investieren zu können. Schon ein oder zwei Stunden pro Monat, dafür aber langfristig und regelmäßig, würden das eigene Zeitbudget nicht zu stark belasten, aber doch enorm helfen.

Darüber hinaus gibt es noch weitere Möglichkeiten für freiwilliges Engagement, wie Herr Rinner uns erläuterte:

  • Begleitung und Unterstützung bei Behördengängen, z.B. beim Übersetzen und Verständnis von Behördenbriefen behilflich sein
  • Sprachunterricht organisieren und unterstützen
  • Den Alltag in Deutschland erklären, ganz alltägliche Dinge, wie einkaufen, Verkehrsmittel, deutsche Feiertage oder Gebräuche)
  • Mit den Flüchtlingen Freizeit verbringen bei Aktivitäten wie Sport, Kochen, Ausflügen
  • Unterstützung bei der Wohnungssuche
  • Sich allgemein für die Belange der Flüchtlinge einsetzen
  • Vermitteln, wenn es zum Beispiel Auseinandersetzungen mit den Nachbarn gibt.

Während unseres Gespräches stellten wir alle fest, dass wir zu wenig voneinander wissen. Die Idee entstand, vielleicht einmal ein Fest in der Schule vorzubereiten, das wir teilweise sogar gemeinsam mit Flüchtlingen vorbereiten könnten, z.B. durch gemeinsames Zubereiten deutscher und ausländischer Gerichte, und dann gemeinsam beisammen sitzen, uns kennenzulernen und mehr voneinander zu erfahren.

Erste zarte Bande sind geknüpft, nun liegt es an Ihnen, diese Ideen mit Leben zu erfüllen oder Flüchtlinge durch Spenden oder anderes freiwilliges Engagement zu unterstützen.

Unterstützung dabei können Sie von mir und sicher, wo möglich, auch von Herrn Rinner bekommen.

Stephan Westphal

    

Kathleen Metze

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